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RAID ist kein Backup: Warum Redundanz und Datensicherung verschiedene Aufgaben haben

Mario ·

Ein Mitarbeiter löscht versehentlich den Ordner „Angebote 2025“ auf dem Dateiserver. Es dauert zwei Sekunden. Der Server hat ein RAID 6 mit Hot-Spare, die beste Ausfallsicherheit, die man sich für diese Plattenzahl vorstellen kann. Trotzdem sind die Angebote weg. Warum hat das RAID nicht geholfen?

Weil das RAID genau das tut, wofür es gebaut wurde: Es führt jede Änderung zuverlässig auf allen Platten aus, auch das Löschen. Im Beitrag RAID verstehen hast du gesehen, wie sich der Ausfall von Platten abfangen lässt. Hier geht es um die Frage, die jeder Administrator verstanden haben sollte, bevor etwas passiert: Warum ist RAID kein Backup?

Zwei Aufgaben, die oft verwechselt werden

Hinter beiden Begriffen stecken verschiedene Ziele:

  • Redundanz (RAID, Cluster, doppelte Netzteile) sorgt dafür, dass ein System bei einem Hardware-Ausfall weiterläuft. Sie schützt die Verfügbarkeit.
  • Ein Backup ist eine eigenständige, getrennte Kopie der Daten zu einem früheren Zeitpunkt. Es schützt die Daten selbst, und zwar gegen praktisch jede Ursache für Verlust.

Der Kernsatz lautet: RAID schützt davor, dass das System ausfällt. Ein Backup schützt davor, dass die Daten verloren sind. Das Wesentliche am Backup ist die Zeitachse: Es erlaubt dir, zu einem Zustand von gestern, letzter Woche oder letztem Monat zurückzukehren. Ein RAID kennt nur den Zustand von jetzt.

RAID fängt Hardware-Ausfälle ab, ein Backup holt verlorene Daten zurück.

Was RAID nicht abfängt

Die folgende Tabelle zeigt, bei welchen Ereignissen RAID hilft und bei welchen nicht:

Ereignis Hilft RAID? Warum? Was hilft stattdessen?
Eine Platte fällt aus Ja Genau dafür ist RAID gedacht
Datei versehentlich gelöscht oder überschrieben Nein Die Änderung wird auf allen Platten sofort mitgemacht. Hilft: Backup, Schattenkopien
Ransomware verschlüsselt die Daten Nein Das RAID speichert die verschlüsselten Dateien zuverlässig. Hilft: Backup, das die Schadsoftware nicht erreicht
Softwarefehler, kaputtes Dateisystem, falsche Konfiguration Nein Fehler werden auf alle Platten übertragen. Hilft: Backup, Snapshots
Absichtliche Löschung durch einen Innentäter Nein RAID führt auch böswillige Befehle aus. Hilft: Rechtekonzept, Backup
Defekter RAID-Controller Oft nein Das Array ist ohne passenden Controller womöglich nicht lesbar
Zweite Platte fällt beim Rebuild aus (bei RAID 5) Nein Die Toleranz ist überschritten. Hilft: Backup, RAID 6
Überspannung, Blitz oder Netzteilfehler zerstört mehrere Platten Nein Alle Platten hängen an derselben Stromversorgung
Brand, Wasserschaden, Diebstahl Nein Alle Platten stehen im selben Raum. Hilft: Kopie an einem anderen Ort
Unbemerkt beschädigte Daten (Bitfehler) Teils nein Bei einfachen Spiegeln ist oft unklar, welche Kopie stimmt. Dateisysteme mit Prüfsummen wie ZFS erkennen es

Auffällig ist: Die häufigsten Ursachen für Datenverlust im Alltag stehen alle in der Spalte „Nein“, nämlich menschliche Fehler, Schadsoftware und Softwareprobleme. Hardware-Ausfälle gibt es, aber sie sind nur ein Teil des Risikos.

Was ein Backup leistet: RPO und RTO

Um ein Backup zu planen, brauchst du zwei Kennzahlen, die du gemeinsam mit der Geschäftsleitung festlegst:

  • RPO (Recovery Point Objective): Wie viel Datenverlust ist höchstens tragbar, gemessen in Zeit? Das bestimmt, wie oft gesichert wird.
  • RTO (Recovery Time Objective): Wie lange darf es dauern, bis die Daten wieder verfügbar sind? Das bestimmt, wie schnell die Wiederherstellung sein muss.

Rechenbeispiel RPO

Eine Firma sichert jeden Abend um 22 Uhr. Fällt das System um 21:59 Uhr aus, liegen fast 24 Stunden Arbeit zwischen dem letzten Backup und dem Ausfall. Der RPO beträgt also fast einen Tag. Reicht das nicht, muss häufiger gesichert werden, etwa stündlich.

Rechenbeispiel RTO

Der Dateiserver mit 2 TB Daten muss nach einem Totalausfall aus dem Backup zurückgespielt werden. Die Übertragung läuft über ein Gigabit-Netz. Theoretisch sind 1 Gbit/s gleich 125 MB/s, wie im Beitrag Was ist ein Computernetzwerk? gerechnet. In der Praxis sind rund 100 MB/s realistisch:

2 TB = 2.000.000 MB
2.000.000 MB ÷ 100 MB/s = 20.000 s ≈ 5,6 Stunden

Die Wiederherstellung dauert also fast einen halben Arbeitstag, ohne den Server neu aufzusetzen und ohne etwaige Probleme. Das ist der RTO in der Praxis. Wenn dem Unternehmen der Ausfall länger als vier Stunden nicht zumutbar ist, braucht es ein schnelleres Backup-Medium, ein 10-Gigabit-Netz oder eine andere Strategie.

Ist das ein Backup? Verfahren im Vergleich

Viele Techniken sehen aus wie ein Backup und sind keines. Die folgende Übersicht hilft bei der Einordnung:

Verfahren Schützt vor Ist es ein Backup?
RAID Plattenausfall Nein, kein Zeitpunkt, kein getrennter Ort
Spiegelung auf einen zweiten Server (Replikation) Ausfall des ersten Servers Nein, Fehler und Löschungen werden mitkopiert
Cloud-Synchronisation (zum Beispiel ein Ordner, der auf mehreren Geräten abgeglichen wird) Gerätewechsel, Zugriff von überall Nein, gelöschte und verschlüsselte Dateien werden synchronisiert. Versionierung und Papierkorb helfen zeitlich begrenzt
Snapshot auf demselben System Versehentliches Löschen, Rückkehr zu einem früheren Stand Nein, aber eine wertvolle erste Schicht, geht bei Verlust des Systems mit unter
Archiv Aufbewahrungspflichten Nein, ein Archiv hält Daten dauerhaft vor, ersetzt aber keine regelmäßige Sicherung
Getrennte, regelmäßige Kopie mit mehreren Zeitständen Löschen, Ransomware, Systemausfall, Standortverlust Ja

Wichtig ist das Wort getrennt. Ein Backup, das auf demselben Server liegt wie die Originale, auf demselben Laufwerk oder im selben Netzwerk-Laufwerk mit Schreibrechten, ist kein Backup. Eine Ransomware, die das Laufwerk verschlüsselt, verschlüsselt die Kopie gleich mit.

Beispiel: Ransomware an einem normalen Dienstag

Ein Mitarbeiter öffnet um 10 Uhr einen manipulierten Anhang. Der Schadcode beginnt, Dateien auf allen erreichbaren Laufwerken zu verschlüsseln, auch auf dem Dateiserver. Wie sieht der Ablauf mit und ohne Backup aus?

Zeit Ereignis Nur RAID RAID und getrenntes Backup
10:00 Anhang geöffnet, Verschlüsselung beginnt Alle Platten speichern die verschlüsselten Dateien Dasselbe
10:30 Das Problem fällt auf Die Daten sind verschlüsselt, das RAID ist völlig in Ordnung Rechner und Server werden vom Netz getrennt
Nachmittag Wiederherstellung Es bleiben nur das Lösegeld oder der Neustart bei null Server wird neu aufgesetzt, Daten vom Vorabend (22 Uhr) zurückgespielt
Folgetag Folgen Datenverlust im schlimmsten Fall komplett Verlust: Arbeit vom Vortag nach 22 Uhr bis 10 Uhr, also etwa 12 Stunden

Das RAID war die ganze Zeit „gesund“. Es hat sein Ziel erreicht und die Katastrophe trotzdem nicht verhindert.

Zwischen letztem Backup und Ausfall liegt der mögliche Datenverlust (RPO), danach läuft die Wiederherstellungszeit (RTO).

Was ein Datenverlust kostet

Die Rechnung zeigt, warum sich der Aufwand lohnt. Angenommen, 80 Mitarbeiter können zwei Arbeitstage lang nicht arbeiten (zwei mal 8 Stunden) und kosten je Stunde im Schnitt 40 Euro:

80 Mitarbeiter × 16 Stunden × 40 €/h = 51.200 €

Das ist eine Annahme, die du an deinen eigenen Betrieb anpassen kannst, aber sie zeigt die Größenordnung. Dazu kommen entgangene Aufträge, Aufräumarbeiten und Schäden, die sich schlecht beziffern lassen. Eine Backup-Lösung kostet im Vergleich meist einen kleinen Bruchteil davon.

Praxisbeispiel: Was dem Dateiserver der Firma noch fehlt

Der Dateiserver der Firma hat nach dem Beitrag zu RAID ein RAID 6 mit Hot-Spare. Gut gegen Plattenausfälle, doch ohne Backup ist er trotzdem verwundbar. Der Administrator ergänzt:

  • Der Backup-Server srv-backup mit der Adresse 192.168.10.150, den du aus dem Beitrag Was ist ein Server? kennst, sichert den Dateiserver jede Nacht.
  • Das Backup-Ziel erlaubt dem Dateiserver nur, Daten hinzuzufügen, nicht, alte Sicherungen zu löschen. So kann auch eine Schadsoftware auf dem Dateiserver die Sicherungen nicht zerstören.
  • Es werden mehrere Zeitstände aufbewahrt: täglich für zwei Wochen, wöchentlich für drei Monate.
  • Einmal im Quartal macht der Administrator einen Restore-Test: Er spielt eine Datei und einen ganzen Ordner zurück und prüft, ob alles lesbar ist und wie lange es dauert. Ein Backup, das nie zurückgespielt wurde, ist nur eine Hoffnung.

Wie viele Kopien, auf welchen Medien und an welchen Orten, regelt die 3-2-1-Backup-Regel im nächsten Beitrag.

RAID im Dateiserver, getrenntes Backup auf einem zweiten System und regelmäßiger Restore-Test.

Erste Werkzeuge: Snapshots und rsync

Snapshots sind eine praktische erste Schicht gegen versehentliches Löschen. Mit dem Dateisystem ZFS legst du einen Snapshot so an, hier mit dem Beispielnamen vor-update:

sudo zfs snapshot pool/daten@vor-update
zfs list -t snapshot

Die erste Zeile erzeugt den Schnappschuss des Datasets pool/daten, die zweite listet alle vorhandenen auf. Unter Windows gibt es mit den Schattenkopien eine ähnliche Funktion. Mit dieser Zeile in der Eingabeaufforderung (als Administrator) listest du sie auf:

vssadmin list shadows

Beachte: Snapshots liegen auf demselben System wie die Daten. Sie ersetzen kein Backup, sie ergänzen es.

Für eine einfache Sicherung auf einen zweiten Rechner nutzt man unter Linux oft rsync. Hier lauert eine klassische Falle. Dieser Befehl macht einen Spiegel:

rsync -a --delete /daten/ backup@192.168.10.150:/backup/daten/

Die Option --delete löscht am Ziel alles, was an der Quelle nicht mehr existiert. Löscht ein Mitarbeiter eine Datei, ist sie nach dem nächsten Lauf auch im „Backup“ weg. Das ist ein Abgleich, kein Backup. Mit der Option --backup-dir legt rsync gelöschte und überschriebene Dateien stattdessen in einen datierten Ordner:

rsync -a --delete --backup --backup-dir=/backup/alt/2026-10-13 /daten/ backup@192.168.10.150:/backup/aktuell/

Jetzt landet alles, was an diesem Tag geändert oder entfernt wurde, im Ordner mit dem Datum. So bleiben frühere Stände erhalten. Für den Dauerbetrieb nutzt man in der Praxis eigene Backup-Programme mit Versionierung, Verschlüsselung und Überwachung, das Prinzip bleibt aber dasselbe.

Typische Fehler und Missverständnisse

  • „Wir haben RAID, also haben wir ein Backup.“ Nein. RAID schützt die Verfügbarkeit, nicht die Daten.
  • Das Backup liegt auf demselben System. Fällt der Server aus oder wird er verschlüsselt, ist die Kopie mit weg.
  • Ein Spiegel mit Löschen als Backup nutzen. Er überträgt Fehler und Löschungen sofort.
  • Cloud-Synchronisation für ein Backup halten. Synchronisation wird mit dem Original gleichgeschaltet.
  • Backup-Laufwerk dauerhaft eingebunden mit Schreibrechten. Schadsoftware erreicht es genauso wie die Originale.
  • Nie zurückgespielt. Erst der Restore-Test zeigt, ob die Sicherung funktioniert und wie lange sie dauert.
  • Backup nicht überwacht. Fehlermeldungen, die niemand liest, kündigen den Verlust an.
  • Zu kurze Aufbewahrung. Wird ein Fehler erst nach Wochen bemerkt, sind alle Sicherungen schon ebenfalls fehlerhaft.
  • Zugangsdaten und Schlüssel nicht mitgesichert. Ein verschlüsseltes Backup ohne Schlüssel ist wertlos.

Zum Üben

  1. Nenne drei Ereignisse, bei denen RAID nicht hilft.
  2. Was bedeutet RPO, und was ist der RPO bei einem Backup, das täglich um 22 Uhr läuft?
  3. Wie lange dauert die Wiederherstellung von 3 TB bei 100 MB/s?
  4. Warum ist die Synchronisation eines Cloud-Ordners kein Backup?
  5. Welche Gefahr birgt die rsync-Option --delete, wenn man sie als Backup einsetzt?
  6. Berechne die Kosten eines Ausfalls: 50 Mitarbeiter, 8 Stunden, 35 € je Stunde.
  7. Worin unterscheidet sich ein Snapshot von einem Backup?

Lösungen: (1) Zum Beispiel versehentliches Löschen, Ransomware, Brand oder Wasserschaden, Softwarefehler, defekter Controller. (2) Recovery Point Objective: wie viel Datenverlust man höchstens hinnimmt. Bei täglicher Sicherung um 22 Uhr bis zu 24 Stunden. (3) 3 TB = 3.000.000 MB, geteilt durch 100 MB/s ergibt 30.000 s, das sind rund 8,3 Stunden. (4) Synchronisation gleicht beide Seiten an. Eine gelöschte oder verschlüsselte Datei verschwindet oder wird verändert auch in der Kopie. (5) Sie löscht am Ziel, was an der Quelle fehlt. Ein versehentliches Löschen überträgt sich damit auf die Kopie. (6) 50 × 8 × 35 € = 14.000 €. (7) Ein Snapshot liegt auf demselben System wie die Daten und geht mit ihm verloren. Ein Backup ist eine getrennte Kopie, die auch bei Verlust des Systems erhalten bleibt.

Das solltest du dir merken

  • RAID schützt die Verfügbarkeit gegen Plattenausfall. Ein Backup schützt die Daten gegen fast jede Ursache.
  • RAID führt Löschen, Überschreiben und Verschlüsseln ohne Rückfrage auf allen Platten aus.
  • Ein Backup ist eine getrennte Kopie mit mehreren Zeitständen. Replikation, Cloud-Sync, Snapshots und Archive sind es allein nicht.
  • RPO sagt, wie viel Datenverlust tragbar ist, RTO, wie lange die Wiederherstellung dauern darf.
  • Rechne die Wiederherstellungszeit nach: Datenmenge geteilt durch Übertragungsrate.
  • Teste die Wiederherstellung regelmäßig und überwache die Sicherung.

Wie viele Kopien, auf welchen Medien und an welchen Orten du für ein sicheres Backup brauchst, zeigt eine einfache Faustregel, die in der IT fast jeder kennt: Die 3-2-1-Backup-Regel.

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